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Buchkritik: Der Nachbar

25.06.2004
Von unserer Redakteurin Nadine Riechers

In Bassindale Estate, einer Sozialsiedlung in der Nähe von Southampton, läuft längst nicht mehr alles so, wie es soll: Graffitis, umgeworfene Mülleimer, leere Alkoholflaschen, heruntergekommene Häuser und Jugendbanden auf den Straßen – das sind nur ein paar der zu nennenden Missstände.

Die einzigen, die hin und wieder nach den Bewohnern des Viertels sehen, sind die Mitarbeiter des Nightingale Health Centres, eines sozialen Gesundheitsdienstes. Dennoch fühlen sich viele Bewohner ausgegrenzt und mit ihren Problemen alleingelassen. Als dann durchsickert, dass in ihrem Viertel, dem „Auffangbecken für Asoziale“, ein vorbestrafter Pädophiler einquartiert wurde, ist die Aufregung groß. Natürlich, mit ihnen kann man es ja machen! Dass es gerade in ihrem Viertel nur so wimmelt von kleinen Kindern, ist ja egal. Setzt man etwa einen Drogenabhängigen unbeaufsichtigt in eine Apotheke?

Nur wenige Tage später verschwindet ein kleines Mädchen spurlos. Doch die Polizei scheint keinen Verdacht gegen den Pädophilen zu hegen – jedenfalls wohnt dieser weiterhin in der Humbert Street 23. Einige Bewohner beschließen, sich das nicht mehr länger bieten zu lassen.
Und dann passiert das, was kommen muss: Aus einem friedlichen Protestmarsch wird eine wahre Straßenschlacht. Die Ausgänge des Viertels werden verbarrikadiert und vor dem Haus des Pädophilen versammeln sich mehrere tausend aufgebrachte Menschen. Die Polizei kann nicht eingreifen und hinter den Barrikaden nehmen Jugendliche das Gesetz selbst in die Hand. Das Ganze entwickelt sich zu einer wahren Hetzjagd und jetzt wird auch jedem klar, wieso schon seit Tagen ein Benzingeruch in der Luft hängt: Die Jugendlichen haben Molotowcocktails gebastelt.

Als ob das nicht genug wäre, ist auch im Haus des Pädophilen nicht alles wie es sein sollte: Bei ihm sind sein asthmakranker Vater und eine junge Ärztin vom Nightingale Health Centre. Die drei verbarrikadieren sich in der Küche – doch Gefahr droht ihnen nicht nur von der Menge auf der Straße.

Die Polizei sucht derweil verzweifelt nach der kleinen Amy…

Ein wirklich spannender Roman. Bereits auf der dritten Seite befindet man sich mitten im Geschehen und nimmt daran teil. Einerseits versteht man die Leute, aber andererseits weiß man ganz genau, dass ihr Verhalten falsch ist und sicherlich in einer Katastrophe enden wird. Trotzdem kommt dann natürlich alles anders, als man es erwartet hätte. Menschen wachsen über sich hinaus und Freundschaften, die sonst niemals möglich gewesen wären, entstehen.

Mit ihrem Roman greift Walters ein sehr aktuelles Thema auf und ich denke, dass jeder daran Anteil nimmt. Wer wäre schon damit einverstanden, einen vorbestraften Pädophilen in der Nachbarschaft zu haben? Würden Sie Ihre Kinder weiterhin alleine auf die Straße lassen? Kritisch beäugt Minette Walters dieses Thema. Wann stellt ein Pädophiler eine Bedrohung da? Ab wann ist man überhaupt einer und gibt es nicht auch dabei Unterschiede? Das Buch beschreibt, wozu Vorurteile führen können und regt zum Nachdenken an.

Broschiert - 413 Seiten - Goldmann
Erscheinungsdatum: Mai 2004
ISBN: 3442457157


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