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Bellaria - So lange wir leben!

18.05.2004
Douglas Wolfsperger (Regie und Buch) hat wieder einen beachtenswerten Dokumentarfilm geschaffen. Es geht darin ums Altwerden, die Einsamkeit und Armut im Alter, die Sorge vorm Tod und die Versuche in all der Unabwendbarkeit, sich davon mit Filmerinnerungen ein wenig abzulenken. Im uralten Wiener Kleinkino Bellaria (mit dem Schmuddellook der hiesigen Schauburg) treffen sich regelmäßig ein paar alte Menschen und sehen sich nostalgische deutschsprachige Filme an. Sie klammern sich an Dokumente, die ihnen die bessere und schönere Kinovergangenheit wie schulterklopfend als Trost für Realität und unabwendbare Zukunft vorgaukeln. Wen stört's dabei schon, dass damals die Lippensynchronität der Gesangsszenen noch erbärmlich bis peinlich war? Die vermeintlichen Meisterwerke sind zuweilen billig auch in künstlerischer und intellektueller Hinsicht.

Erstaunlich, wieviel unterschiedliche Schicksale und originelle Lebensgeschichten, berufliche Karrieren, Ehe- und Lebensrückblicke sich bei so ein paar Menschen anhäufen. Diese isolieren sich von einander trotz gemeinsamer Interessen, um eigenständige Individuen zu bleiben und unterschiedliche soziale Schichten mit kühler Distanz zu pflegen: das arme Mütterlein mit Kopftuch wird von der spätmondänen Exkünstlerin gerade mal geduldet. Übrigens in anderem Zusammenhang im Film zu bestaunen: die Haushälterin von Marika Rökk sieht nicht mal so gepflegt aus wie der Hund der Künstlerin...

Angenehm diskret, mit einfachen technischen Minimalmitteln von Kameramann Helmut Wimmer in 1:1,75 gefilmt, einem schönen Raumklang und von Haindling Hans-Jürgen Buchner musikalisch aufgelockert, schnuppern wir in eine dunkle, fast verschwundene Welt hinein, die hauptsächlich Betroffene schätzen und genießen können. Jeder der Vorgestellten ist so allein mit sich und seinem Leben wie der 71-jährige Filmvorführer, der uns seine erstaunliche Philosophie eines abgeklärten Weltmanns verkündet: "Im Bellaria kriegt man noch Männer mit Vorkriegscharakter zu sehen." - auf der Bildwand meint er.

"Bellaria" ist ein gelungener Dokumentarfilm, 100 Minuten lang nie langweilig, ohne öffentlich-rechtlichen Gefühlskitsch, der nahe liegt, wenn - wie auch hier - öffentlich subventioniert und TV-Gelder vergeben werden. Wie die Filmmacher hier was zum Schmunzeln einfangen, die Würde der merkwürdigen Gestalten respektierend und mit beachtlichen Ausschnitten fast 70 Jahre alter Filme - das lässt staunen. Der hochbetagte Schauspieler Karl Schönböck machte den Bellarianer/innen und Wolfsperger im Film eine große Freude, als er sich - kurz vor seinem Tod - in der Weihestätte alter Kinoherrlichkeit mit dem Stammpublikum zusammen einen seiner uralten Filme ansah.

"Bellaria - So lange wir leben!" ist wieder ein Film, der es kommerziell auch deshalb schwer hat, weil er von Filmbegeisterten erst dann entdeckt wird, wenn er (fast) schon wieder abgesetzt ist.

Friedrich Schumacher


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